Theorie der Praxis - Bourdieu

 

Zum Begriff der Praxis:

Es ist äußerst wichtig, wie Bourdieu schon postulierte, die Akteure nicht als bloße Träger der strukturimmanenten Bedingungen zu definieren, sondern als individuelle Handelnde, mit stets eigener Geschichte, die das Handeln innerhalb der Strukturen nicht nur beeinflusst, sondern bestimmt. Somit können auch psychologische Handlungsmotive in die Analyse miteinfließen. Es geht also darum, wie der Akteur mit den vorgefundenen Strukturen und sozialen Zwängen umgeht. Dabei ergibt sich ein unendlich weites Handlungsspektrum, da es unendlich viele persönliche Geschichten gibt. Hier kann z.B. die Psychologie eine wichtige Ergänzung bieten, die persönliche (und nicht soziale) Handlungsmotive zu klassifizieren weiß, und sie den sozialen Motiven und Strukturen gegenüberstellen kann. Damit ergibt sich mit Sicherheit eine weitaus profundere Analyse menschlichen Handelns, wie alleine durch die bloße Analyse der Strukturen. Dieser Ansatz soll noch über Bourdieus Ansatz hinausgehen, der zwar bereits die Wichtigkeit der Praxis (dem Ort des Handelns, nicht bloß die Verdinglichten Strukturen) erkannte, und sie als solches konstituierte, psychologische Handlungsmotive aber dennoch aussparte. Er ging sogar soweit, Geschmack, ästhetisches Empfingen und Vorlieben alleine durch soziale Bedingungen konstituiert zu sehen, um bewusst dem Vorwurf zu entgehen, psychologischen Faktoren keinen Raum einzuräumen. Genau das aber soll hier geschehen.

Diese Vereinigung scheint mir überhaupt schon seit langem notwendig, um die stets konkurrierenden Erklärungsmodelle der beiden Wissenschaften zu überwinden. Wie kann es  sein, dass ein Soziologe und ein Psychologe für dasselbe Verhalten vollkommen unterschiedliche Erklärungen und Ursachen finden? Nur durch die bewusste Abgrenzung vom jeweils anderen Modell, das am Ende als „falsch“ oder im besten Fall als „auch zulässig“ dargestellt wird. Es ist offensichtlich, dass eine Fusion beider Disziplinen vonnöten ist, die Erklärungen aus beiden Zugängen –innerhalb desselben Modells- zulässt.

Das Modell sieht also wie folgt aus: Akteure bewegen sich in vorgegebenen Strukturen. Diese können stärker oder schwächer sein, historisch rekonstruiert werden, existieren am Ende aber nie ohne die Akteure und deren Handeln (es handelt sich in gewissen Weise um eine Dialektik). Durch ihr Handeln bewegen sich die Akteure nun innerhalb der Strukturen (die sie ja aber selbst mitbedingen) und tragen zu deren Aufrechterhaltung bzw. Veränderung aktiv bei. Im Handeln, in der Praxis nun sind 2 handlungsbestimmende Komponenten auszumachen, zu als solches unabhängig voneinander existieren, aber in der Praxis niemals getrennt voneinander auftreten:

Einerseits der Habitus nach Bourdieu, die sozusagen aktive, kreative Komponente der Strukturen, die im Akteur selbst zu finden ist. Bourdieu meinte damit den Akteuren ihre „Freiheit“ zurückzugeben, die der reine Strukturalismus ihnen weggenommen hatte. Das trifft aber nur insofern zu, dass psychologische, persönliche Motive weiter ausgespart werden, die aber das praktische Handeln ebenso bedingen.

Zweitens soll nun diese psychologische Komponente hinzugefügt werden, die nun einfach nicht durch soziologische Begriffe ersetzt werden kann. Zwischen den beiden Komponenten herrscht in der Praxis menschlichen Handelns nun ein stetes dialektisches Wechselspiel, das durch das Weglassen einer Komponente nicht erfasst werden kann. Dadurch sind all diejenigen rein soziologischen Erklärungsmodelle, auch das Bourdieus, schlussendlich nur Reproduzenten der konstatierten Strukturen, und tragen zu deren Aufrechterhaltung bei, da die wichtige psychologische Komponente einfach nicht berücksichtigt wird.

Ein Bsp.: Ein aus der „mittleren Bildungsschicht“ (eine neue Analyse solcher Begriffe ist auch dringend vonnöten) kommender Gymnasien-Absolvent beginnt an der Uni zu studieren. Er scheint höchst motiviert und versucht sich, auch außerhalb des notwenigen Uni-Pensums zu bilden. Nach Bourdieus Analyse nun ist diese Praxis nun vollkommen logisch, da er, der zu Hause die notwendige Vorbildung, die ein Akademiker-Sohn bereits erhalten hätte, nicht erhalten hat. Da er auf der Uni in Kontakt mit „gebildeteren“ Studierenden kommt, die eben aus anderen Schichten kommen, fühlt er sich gezwungen, sich selber autodidaktisch weiterzubilden, um mit den anderen mithalten zu können. Soweit, so gut, auch wenn diese Analyse höchst problematisch erscheint, basiert sie nämlich stets auf Vorannahmen, über die Eigenschaften unterschiedlicher Schichten. Dennoch, um die Kritik aufzuzeigen, reicht das Bsp. Aus. Denn die Frage, warum der Studierende sich dazu entscheidet, sich zu bilden, ist nur teilweise beantwortet: Bei weitem nicht jeder Studierende in dieser Sitaution würde sich so verhalten. Es spielen also auch persönliche, psychlogische Faktoren mit (natürlich in Verbindung mit den sozialen) die zu diesem Konkreten Handeln führen. Wird diese Komponente außer Acht gelassen, kommt es erneut zu einer Verdinglichung der Strukturen, und das beschriebene Verhalten gilt als „normal“ innerhalb der vorgefundenen Strukturen. Die Kreativität und individuelle Entscheidungskraft des Akteurs, die er in der Praxis zeigen kann, beschränkt sich lediglich auf das „Wie“ der Erfüllung der vorgegebenen Strukturen, und nicht auf das „Warum“.Dieses Bsp. Zeigt ganz gut die Schwächen des alten und die Ziele des neuen Ansatzes. Weiters warnt es davor, Analysen ohne genügend empirisches Material im konkreten Fall anzufertigen, und es als allgemeingültiges Universalgesetz in alltäglichen Diskussionen zu verwenden. Es ist wichtig zu erkennen, dass es sich dabei um ein wissenschaftliches Werkzeug handelt, das eben in der Forschung angewendet werden kann und soll, aber sonst nirgends.

Das alles lässt hoffen, dass in der Zukunft wahrheitsgetreuere Erklärungen für menschliches Handeln möglich sind als bisher. Es ist aber weiter wichtig sich bewusst zu sein, dass es sich stets um Modelle handelt, also nicht die Wirklichkeit, sondern lediglich eine Abbildung der Wirklichkeit, eine Annäherung. Denn die Wirklichkeit, wie sie ist, wird sich nie vollkommen und wahrheitsgetreu abbilden lassen.

12.9.10 17:29

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