Vormittags Alltags

 

Hier sitzt nun unser Held im Hof der Universität, zukünftiger ehemaliger Student ? (wie all seine Vorbilder). Er raucht sich kaputt und findet noch einen gewissen Gefallen am intentionalen Absinken und Versagen der eigenen Begierden; wenn einer nicht die Macht hat sich zu nehmen was er will dann doch zumindest die Macht es sich zu verbieten. Vorübergehende Resignation ist besser als Regression. Der Kampf wird beizeiten sowieso weitergeführt werden, sobald sich das Leben im Kreuzbeinchakra wieder rührt.


Woher rührt dieser Zustand? Er ist allgemeinspezifischer Natur. Es ist ihm besser hier zu sitzen, in einer Umgebung allgemeiner intellektueller Umtriebigkeit (so seine Vorannahme) als im eigenen dostojewskanischen Kellerloch oder gar in dieser Not-Zulaufstelle für psychisch Behinderte. -Warum war er dort hingegangen? Weil er sich alleine fühlte. Doch er passte und gehörter dort nicht hin- Hier, an der Uni, kann er eher kaputt sein und zufrieden damit – Er zieht an der nächsten Zigarette und raucht die Gefühle weg. Zittern im Bauchbereich (nicht schon wieder!) - später zulassen. Ein Blick in die Runde, in den Universitätshof: Eine Mischung aus kultiviertem Elend, erlösender Strebsamkeit und strebsamen Narzissmus. Lernen um zu Leben? Nein, Scheine machen um etwas zu sein – so läuft das heute. Die Ökonomisierung der Bildung schlägt jedem ins Gesicht und dem Fass den Boden aus-

Unser Held will sich außerhalb dieses Systems stellen. Außerhalb der allgemeinen aufoktrojierten Gelehrsamkeit – Leben um zu Lernen? - Hier ist das begrenzt sogar noch möglich, in kleinen schmutzig-schönen Schlupflöchern, Oasen des wahren Lebens, kleine Paradiese der Freiheit und der freien Bildung. Lernen um zu Lernen, Leben um zu Leben! - Ein Besucher, eine Ameise, diese kleinen hörogen Besucher kennt er aus seinem Kellerloch – Schön schreiben! -später-


Was war nun heute geschehen? Unser törichter hiniger Held hatte sich keinen Fahrschein für das Fortbewegungsmittel der Moderne gekauft/gefälscht. Niemals wurde in Wien kontrolliert, außer heute, ausgerechnet heute! Die gelb-Westen tragenden Hampelmännchen (und -weibchen) namens Inspizienten warteten oberhalb des Aufgangs, die erforderliche Geistesgegenwart war unserem Helden nicht zu eigen gewesen. Mit starrem versenktem Blick gen Boden versuchte er an der Reihe dieser gelben Clowns, die für Provision töten, vorbeizumarschieren. Er war in dem altbekannten Geisteszustand völliger Selbstzerschlagung, nichts zu fühlen, es erzwingen zu müssen denn sonst ist man gescheitert; kein schöner Ort für den Geist und die Seele. - Nun, da marschierte unser Held versunken in den eigenen Sumpf im Abgrund der Psyche dahin, bis, ja bis es sich einer der gelben Quacksalber erlaubte ihm einfach auf die Schulter zu tippen. Er war unserem Helden gefolgt. - SO viele Auswege! : Davon laufen – in die nächste Bahn springen, die zu zufälligerweise auch gerade noch an der Haltestelle wartete, Ignorieren; den fremden unwissenden Touristen mimen. Doch unser Held war nicht fit, nicht geistes-gegenwärtig, um diese im Kopf 1003 mal erprobten Taktiken des Gegenangriffes zur Anwendung zu bringen. Nun, er entfernte die Ohrstöpsel und gab den latent Unwissenden, wobei diese Rolle offensichtlich nicht zielführend war; der Kontrolleur hatte alles schon durchschaut bevor er den Kontakt zu unserem Helden herstellen wollte, deshalb ging er auch nicht einmal darauf ein, wie unser Held noch in letzten Verzweiflung, gepaart mit Resignation und Wut, ihm ein altes abgelaufenes Ticket zeigte. All das war unserem Helden selbstverständlich klar gewesen, und er ärgert sich noch heute ob seines dummen Verhaltens. Der Versuch des Betruges war ja nicht mal halbherzig. Unser Held wusste, er würde eine Beanstandung erhalten. Regierte noch vorsichtig mit ebenso halbherzigem Protest (ach, würde er nur seine rhetorischen Fähigkeiten zur Anwendung gebracht haben! - wobei – gibt es ein Gesetz, das es Fremden erlaubt, Einblick in die Personaldaten zu nehmen? Er könnte sie doch an Dritte weitergeben. Darüber müsse man sich informieren-). Damit war das Prozedere beschlossen, in latent abschätziger Ignoranz der Persönlichkeit des Inspektors, die dem Wiener Kollegen gegenüber durchaus nicht ernst gemeint war, und unser Held schritt von dannen, und schwor sich und der Welt Rache, er würde in Zukunft wieder alle Scheine selbst fälschen; so würde er den Strafen entgehen und könnte es ihnen heimzahlen. Das Verfügen über geheime listreiche Macht, die ihm keiner entwenden konnte. Natürlich, das Fälschen war nervige Arbeit – Aber könnte man das nicht als Clou betrachten, als clevere absichtsvolle Trickbetrügerei, auf die einer stolz sein kann? Oder war es nicht mehr als ein begehbarer Ausweg der aus einer finanziellen, sozialen und psychischen Notlage entstand? Oder war es sowohl als auch? -

Ende offen, Vorfall integriert.

Und weiter.

8.8.10 12:26

Werbung


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Pi (8.8.10 15:23)
Ich bin jetzt offiziell Fan von "unserem Helden" mehr davon

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen